Ein Reiseführer durch die irische Folklore und Mythologie
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Ein Reiseführer durch die irische Folklore und Mythologie

Veröffentlicht am 13. Mai 2026

Ein Reiseführer durch die irische Folklore und Mythologie

Irlands Mythologie ist nichts, was hinter Glas in einem Museum verwahrt wird. Sie lebt im Land selbst – in den windzerzausten Hügelkuppen, auf denen einst Könige gekrönt wurden, in den moosbewachsenen Ringwällen, halb verborgen zwischen den Feldern, und an den Meeresklippen, wo Fischer noch heute von gestaltwandelnden Göttern erzählen. Dieser Führer verfolgt die Fäden der irischen Sagen quer über die Insel und weist dir den Weg zu den Orten, an denen die Geschichten am lebendigsten wirken.

Der Hill of Tara – Sitz der Hochkönige

Nur wenige Orte in Irland tragen so viel mythologisches Gewicht wie der Hill of Tara in County Meath. Er war die symbolische Hauptstadt der Insel, der zeremonielle Sitz, von dem aus die Hochkönige der Überlieferung nach über ganz Irland herrschten. Den alten Texten zufolge landeten hier die Tuatha Dé Danann – das göttliche Geschlecht des vorchristlichen Irland – zum ersten Mal, und hier gab die Göttin Ériu der Insel ihren Namen.

Wer heute über den Höhenrücken wandert, kommt am Mound of the Hostages vorbei (einem neolithischen Ganggrab aus der Zeit um 3000 v. Chr.), am Forradh (dem Königssitz) und am Lia Fáil – dem Stein des Schicksals, der aufgebrüllt haben soll, wenn ihn ein rechtmäßiger König berührte. Die umliegenden Erdwälle, auf keiner Karte zu erkennen, offenbaren unter den Füßen unverkennbar ihr Alter.

hill of tara
©Tourism Ireland

Das Besucherzentrum vor Ort (saisonal geöffnet) lässt die Geschichten mit Karten und Fundstücken lebendig werden. Der Zugang zum Gelände ist kostenlos, und am besten erkundest du es mit einem Guide oder einer guten Einführung in die Mythologie in der Hand.

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Feenforts und die Aos Sí

Zu Tausenden über die irische Landschaft verstreut, zählen die kreisförmigen Erdwälle, die man als Ringwälle – oder Feenforts – kennt, zu den sichtbarsten Überresten des frühmittelalterlichen Irland. Vor Ort heißt es, sie seien die Behausungen der Aos Sí, des Feenvolks, das sich unter die Erde zurückzog, als die Milesier (in der irischen Mythologie die Vorfahren der Menschheit) die Oberwelt in Besitz nahmen. Noch heute pflügen viele irische Bauern lieber um einen solchen Wall herum als mittendurch, aus Scheu vor dem Unglück, das ihre Störung angeblich heraufbeschwört.

Am besten begegnest du ihnen, indem du einfach gemächlich durch das ländliche Connacht, Munster oder die Midlands fährst und dabei die Anhöhen und Feldgrenzen im Blick behältst. Der Burren in County Clare bietet besonders eindrucksvolle prähistorische Gesellschaft: Der Poulnabrone-Dolmen, ein Portalgrab aus der Zeit um 4200 v. Chr., hebt sich markant vom Kalksteinpflaster ab, seinen Deckstein so ausbalanciert, als wäre er erst gestern gesetzt worden.

Poulnabrone Dolmen, The Burren, Co Clare
Poulnabrone Dolmen, The Burren, Co Clare Chris Hill Photographic

Der Dolmen ist kostenlos zu besichtigen und das ganze Jahr über vom Straßenrand der R480 aus zugänglich. Komm früh am Morgen, dann hast du ihn ganz für dich allein.

Die Dingle-Halbinsel – Land der Götter und Meeresgeister

Die Dingle-Halbinsel ragt in den Atlantik wie eine gegen den Ozean erhobene Faust, und ihre Mythologie ist so elementar wie die Landschaft. Vom Meeresgott Manannán mac Lir hieß es, er reite über diese Gewässer, und sein Mantel werde zu dem Nebel, der über die Dingle Bay hereinzieht. Der Slea Head Drive führt an einer bemerkenswerten Dichte frühchristlicher und vorchristlicher Stätten vorbei – Bienenkorbhütten (clochán), Landzungenforts und Ogham-Steinen –, von denen jede ihre eigene Schicht an Geschichten trägt.

An der Schulter der Halbinsel erhebt sich der Mount Brandon, benannt nach St Brendan dem Seefahrer, dem Mönch aus dem 6. Jahrhundert, dessen sagenhafte Atlantiküberquerung die Entdeckung Amerikas um fast 900 Jahre vorwegnimmt. Der Pilgerpfad zu seinem Gipfeloratorium zählt zu Irlands großen spirituellen Wanderwegen.

Mount Brandon, Trail, Dingle Peninsula, Co. Kerry
Mount Brandon, Trail, Dingle Peninsula, Co. Kerry Courtesy Declan Murphy

Weiter östlich ist Ross Castle am Ufer des Lough Leane mit der Sage von O’Donoghue verbunden, einem Häuptling, der der Überlieferung nach alle sieben Jahre auf einem weißen Pferd über den See reitet, um zurückzukehren und sein Volk zu befreien.

Ross Castle, Lough Leane, Killarney National Park, Co Kerry
Ross Castle, Lough Leane, Killarney National Park, Co Kerry Courtesy Fáilte Ireland
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Blarney Castle und die Gabe der Beredsamkeit

Kein Mythologie-Führer durch Irland wäre vollständig ohne Blarney. Die Burg stammt aus dem 15. Jahrhundert, doch die Legende um ihren Stein ist im Geiste weitaus älter: Küsse den Blarney Stone, und dir wird the gift of the gab zuteil – eine unwiderstehliche Redegewandtheit, die zu gleichen Teilen bezaubern und täuschen kann. In einer Kultur, die das Geschichtenerzählen als hohe Kunst schätzt, ist das kein geringes Geschenk.

Das Gelände lohnt es, über den Stein selbst hinaus zu verweilen. Der Rock Close unterhalb der Burg birgt einen Druidenaltar, das Ritual der Wunschtreppe und uralte Eiben, deren Wurzeln Jahrhunderte zurückreichen. Er ist einer der stimmungsvollsten Winkel im Süden Irlands.

Blarney Castle and Gardens, Blarney, Co Cork.
Blarney Castle and Gardens, Blarney, Co Cork. Courtesy Blarney Castle and Gardens

Lebendige Traditionen – Feste und Geschichtenerzählen

Die irische Mythologie wurde nie zu einer rein akademischen Angelegenheit. Sie blieb eine lebendige Tradition, getragen von der mündlichen Erzählkunst – und diese Tradition ist leichter zu finden, als du vielleicht denkst.

Das Púca Festival – das jedes Halloween rund um den altehrwürdigen Hill of Ward in County Meath stattfindet – ist eine der größten keltischen Samhain-Feiern der Welt. Samhain (31. Oktober) war jener Moment im alten irischen Kalender, in dem der Schleier zwischen den Lebenden und den Toten am dünnsten war, in dem die sídhe (Feenhügel) offenstanden und die Anderswelt an diese Welt rührte.

2024, Púca Festival, Hill of Ward, Athboy, Co Meath
2024, Púca Festival, Hill of Ward, Athboy, Co Meath Courtesy Failte Ireland

Für das Geschichtenerzählen selbst bietet das Wander Wild Festival in Killarney seanoiche-Sessions (traditionelles abendliches Erzählen), die Mythen in ihrer natürlichen Umgebung lebendig werden lassen.

2024, Wander Wild, Festival, Seanoiche, Storytelling, Killarney, Co Kerry
2024, Wander Wild, Festival, Seanoiche, Storytelling, Killarney, Co Kerry Courtesy Valerie O’Sullivan

Das ganze Jahr über finden in Doolin in County Clare und in den Pubs von Westport und Dingle traditionelle Musik- und Erzählsessions statt – informell, ohne festen Zeitplan und gerade deshalb umso eindrucksvoller.

Die Mythen verbinden – eine Routenempfehlung

Ein thematischer Roadtrip kann diese Orte über fünf bis sieben Tage hinweg zu einer stimmigen Erzählung verknüpfen:

  1. Tag 1–2 – County Meath: Beginne am Hill of Tara und an den Ganggräbern von Brú na Bóinne (Newgrange und Knowth). Übernachte in Trim oder Navan.
  2. Tag 3 – Die Midlands: Fahre nach Süden durch die Midlands und halte an, um jeden von der Straße aus sichtbaren Feenfort zu umrunden. Verbringe die Nacht in Limerick oder Ennis.
  3. Tag 4 – Der Burren: Besuche den Poulnabrone-Dolmen und die Kalksteinkarstlandschaft. Fahre weiter nach Doolin zu einer Live-Session.
  4. Tag 5 – County Kerry: Überquere die Berge nach Kerry. Besuche Ross Castle und den Killarney-Nationalpark und fahre anschließend den Ring of Kerry.
  5. Tag 6 – Dingle: Folge dem Slea Head Drive und steige, wenn es das Wetter zulässt, zum Oratorium des Mount Brandon hinauf.
  6. Tag 7 – County Cork: Lass die Reise an Blarney Castle und am Rock Close ausklingen, bevor es nach Hause geht.
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Praktische Tipps

  • Beste Reisezeit: Mai–September für die längsten Tage; Oktober für das Púca Festival auf seinem mythologischen Höhepunkt.
  • Fortbewegung: Für abgelegene Feenforts und ländliche Stätten ist ein Mietwagen unerlässlich. Es herrscht Linksverkehr.
  • Geführte Touren: Sowohl im Boyne Valley als auch auf der Dingle-Halbinsel gibt es hervorragende Mythologie-Spezialisten – in der Hochsaison lohnt es sich, im Voraus zu buchen.
  • Lesestoff für unterwegs: The Táin (übersetzt von Thomas Kinsella), Celtic Myths and Legends von Peter Berresford Ellis und Lady Gregorys Gods and Fighting Men sind ideale Begleiter.
  • Respektiere die Stätten: Viele Ringwälle liegen auf privatem Agrarland. Bitte um Erlaubnis, bevor du sie betrittst, und beschädige niemals die Erdwälle.

Irlands Mythen sind keine tote Geschichte. Sie sind das lebendige Vokabular einer Landschaft, um die seit fünftausend Jahren Geschichten ranken. Nimm dir Zeit, schau genau hin – und die Insel wird dir ihre eigenen Geschichten erzählen.

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