Vergiftet ist der Poisoned Glen vermutlich nicht, und war es womöglich nie. Die wahrscheinlichste Erklärung für den Namen ist ein Übersetzungsfehler: Ein Kartograf des 19. Jahrhunderts las das irische neamh (Himmel) als nimhe (Gift), der Fehler landete gedruckt auf der Ordnance Survey und wurde nie korrigiert. Eine ältere Sage nennt stattdessen den einäugigen Riesen Balor von Tory, der hier von seinem Enkel Lughaidh erschlagen wurde: Das Gift aus seinem Auge habe beim Herabfallen den Fels gespalten. Eine dritte, unspektakulärere Deutung verweist auf eine giftige Pflanze, die Irische Wolfsmilch, die hier gewachsen und inzwischen verschwunden sein soll. Such dir aus, was dir am besten gefällt.
Unstrittig ist die Kulisse: ein gletschergeformtes Granitamphitheater in den Derryveagh Mountains, direkt vor dem Gaeltacht-Dorf Dunlewey – Gaeltacht sind die Regionen, in denen Irisch noch Alltagssprache ist. Darüber erhebt sich der Errigal, und am Talausgang leuchtet hell die Ruine der Dunlewey Church.
Zu Fuß ins Tal
Das hier ist ein Hin- und Rückweg und keine hübsche Runde, was auch immer manche Karten behaupten: ein rauer Pfad von rund 4 km, der über den Talboden unter den Felsen entlangführt und auf demselben Weg zurück. Nass ist es unter den Füßen wirklich, nach Regen wird der Boden zum saugenden Moor. Also Wanderstiefel und Regenzeug einpacken und am besten eine trockene Phase zwischen Mai und September abwarten. Der Lohn ist das Amphitheater selbst: nackter Granit, der sich von drei Seiten heranschiebt, und außer dem Cronaniv Burn kaum ein Geräusch.

Für die Kirchenruine am Eingang lohnt sich der Zwischenstopp. Sie entstand um 1830 aus weißem Marmor aus einem nahe gelegenen Steinbruch, gehörte zur Church of Ireland und wurde als Gedenkstätte für James Russell errichtet, den Gutsherrn des Anwesens von Dunlewey. Heute ist sie dachlos, und ihr blasser Stein hebt sich scharf von den dunklen Hängen dahinter ab. Der örtlichen Überlieferung nach spukt hier auch eine grüne Dame, falls du nach ihr Ausschau halten möchtest.
Klettern an der Bearnas Buttress
Das Tal gehört zu Irlands ursprünglichen Klettergebieten, die ersten Routen wurden hier schon in den 1950er- und 60er-Jahren erschlossen. Die Bearnas Buttress, die große Wand an der Talflanke, gilt als größte zusammenhängende Felswand Irlands und beherbergt die längste Eiskletterroute des Landes, wenn der Winter mitspielt.
Der Haken ist die Ausrichtung. Die Wände zeigen nach Norden bis Nordwesten und bekommen kaum Sonne ab, sie brauchen also eine lange Trockenphase, um in Form zu kommen. Wer direkt nach dem Regen einen Fels aussucht, klettert auf nassem Granit. Am schnellsten trocknet die Ballaghageeha Buttress, weit oben auf rund 400 m. Und wenn du selbst nicht kletterst, lohnt es trotzdem, vom Talboden aus den Nacken zu recken und die schiere Größe der Wand auf sich wirken zu lassen.
Anfahrt und Praktisches
- Hinfinden: Von der R251 rund 2 km östlich der Abzweigung zum Dunlewey Centre auf die kleine Straße hinunter durch Dunlewey abbiegen, an der Kirchenruine vorbei bis zu den Parkplätzen am Straßenrand in einer Haarnadelkurve, wo der Pfad beginnt.
- Parken: Es ist nur eine kleine Bucht am Straßenrand, und an einem schönen Wochenende ist sie schnell voll – komm früh, und stell dich nicht in die Kurve.
- Vor Ort: keine Toiletten, kein Laden, keine Mülleimer. Nimm alles wieder mit, und halte Hunde von Weidevieh und brütenden Vögeln fern.
- Wetter: Die Bedingungen im Gebirge schlagen schnell um, und der Handyempfang ist lückenhaft. Pack eine Regenjacke und etwas zum Navigieren ein und wirf vor dem Aufbruch einen Blick auf Met Éireann.
In der Nähe
Der Errigal liegt direkt vor der Haustür – der Quarzitkegel, den du auf dem ganzen Weg im Blick hattest –, und nach Osten hin läuft das Tal weiter Richtung Glenveagh National Park. Unten am Eingang bietet der Aussichtspunkt Poison Glen (auf den Schildern ohne das „ed“ geschrieben) einen bequemen Blick vom Straßenrand über Dunlewey Lough und Lough Nacung. Auch in die irische Musik hat sich das Tal geschlichen: Clannad packten 1990 ein Stück namens „Poison Glen“ auf Anam, und Altan benannten 2015 gleich ein ganzes Album nach ihm: Gleann Nimhe – The Poison Glen.